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Mit meiner Zeit in Ghana begann auch für mich das Leben mit einer zweiten Familie, die mir genauso wichtig ist wie meine Familie in Deutschland.
In jeder Familie hat jeder seine eigenen Sorgen, Ängste und Pro­bleme und häufig läuft nicht alles rund. Dann ist es, als hätte jemand Sand in das Getriebe gestreut. Die Rays of Hope­ Familie ist wie ein Getriebe, jedes Mitglied ist ein Zahnrad und ab und zu gerät auch hier mal Sand dazwischen. Dann fängt es an zu ruckeln und die einzelnen Zahnräder müssen sich neu justieren, bis alles wie­der rund läuft. Damit alles rund läuft, darf auch das Schmierfett, wie zum Beispiel eine gesicherte Finanzierung, nicht fehlen.
 
An einem normalen Tag im Pro­jekt gibt es viele alltägliche Sorgen, neben den Gedanken über die Finanzierung des Projektes. Vor allem die Streetworker be­schäftigen sich mit der Rückkehr der Kinder in ihre Familien. Sie begleiten Eltern und Kind und überlegen sich, wie jedem Kind individuell geholfen werden kann. Kommt es zu Unstimmig­keiten innerhalb der Familien, suchen die Streetworker nach einer Lösung. Nicht nur in den Familien kann es zu Missverständ­nissen kommen, auch unter den Kindern gibt es immer wieder Streit, und manchmal lassen sich diese Streitigkeiten nur durch die Mitarbeitenden lösen. Auch der Schulalltag ist von vielen Überlegungen geprägt. Die Mitar­beitenden und Freiwilligen in der Vorschule sinnen immer wieder von Neuem darüber nach, wie sie die Unterrichtsinhalte am besten vermitteln können. Zeitgleich denken sie an die Schulkinder und hoffen, dass diese dem Un­terricht folgen können und am Ende des Jahres versetzt werden.
Mehr Kopfzerbrechen erfordert es, wenn eines der Kinder nicht im Centre auftaucht. Dann gehen den Mitarbeiter/innen einige Fra­gen durch den Kopf: Ist das Kind einfach nur krank oder heute aus einem harmlosen Grund nicht erschienen und kommt morgen wieder? Oder hat es sich das Kind anders überlegt und ist auf die Straße zurückgekehrt? Mit jedem Tag, an dem das Kind nicht erscheint, wächst die Sorge, die von der Hoffnung be­gleitet wird, es morgen wieder im Centre begrüßen zu dürfen. Ein Junge, der während meiner Zeit in Ghana neu ins Projekt kam, entwickelte sich schnell zum Musterschüler. Lesen, Schreiben und Rechnen waren leichte Übungen für ihn und mit seinem leicht schelmischen Grinsen hatte er schnell einen Stein bei mir im Brett. Und dann, ganz plötzlich, kam er nicht mehr zum Vorschul­unterricht und die Sozialarbeiter konnten ihn in der ganzen Stadt nicht finden. Seit­dem denke ich im­mer einmal wieder an den Jungen und frage mich, was aus ihm geworden ist. Gleichzeitig begleitet mich die Hoffnung, dass er eines Tages viel­leicht doch wieder ins Projekt zurück­kehren könnte.
 
Im März 2020 rieselte nicht nur feiner Sand zwischen die Zahn­räder, sondern ein großer Stein fiel in das Getriebe, viele wichtige Funktionen sind plötzlich ausge­fallen und der ganze Betrieb war gestört. Keiner wusste so genau, wie es weiter gehen soll und wann sich das Getriebe wieder in Bewegung setzen könnte. Die Covid­ 19­ Pandemie stellte uns alle vor nie dagewesene Sorgen und Probleme. Wie aus dem Nichts hieß es, dass unsere Freiwilligen zurück nach Deutschland müssen und die Schulen in Ghana schließen. In dem Moment fingen wir an zu realisieren, dass die nächsten Monate vermutlich ganz anders ablaufen würden als normal. Ein besonderer Wunsch für mich als ehemalige Freiwillige wie auch für andere, die bei der Aktion Lichtblicke vor Ort mit­gewirkt haben, ist Ghana mein zweites Zuhause und immer wie­der denke ich an meine Erlebnisse dort zurück.
Deswegen blicke ich nun mit Sorge auf die Bewerbungszahlen für einen Freiwilligendienst mit der Aktion Lichtblicke Ghana e. V., die in den letzten Jahren stark zurückgegangen sind. Auch wenn ich aus eigener Erfahrung weiß, dass das Projekt auch ohne Freiwillige funktionieren kann, macht mir die Vorstellung Angst, denn nicht nur die Freiwilligen nehmen viel aus dem Jahr mit, sondern auch die Kinder in Ghana lernen dazu. Ohne die Freiwilli­gen würde der Kulturaustausch auf der Strecke bleiben. Ob dieses Jahr im September Freiwillige nach Ghana fliegen und wie die Situation im Centre dann aussieht, kann aktuell keiner sagen.
Aber ich bin mir sicher, dass es auch in Zukunft, trotz des gan­zen Sandes und der vielen kleinen Steine, immer wieder viele kleine Strahlen der Hoffnung im Rays of Hope Centre geben wird, die das Projekt am Leben halten.
 
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